Abstract:

Eine der komplexesten Herausforderungen heute ist das Finden einer neuen Machtbalance in fragilen Nachkriegsgesellschaften. Interne und externe Akteure spielen nach Beendigung von bewaffneten Konflikten wichtige, ineinander verzahnte Rollen. Während ältere Statebuilding-Ansätze ursprünglich vom Westfälischen Institutionenmodell ausgingen, berücksichtigen neue Strategien die Erfahrungen aus dem entwicklungspolitischen Bereich, um auf den jeweiligen Kontext einzugehen und die Staat-Gesellschaftsbeziehungen in den Mittelpunkt zu stellen. Ich argumentiere, dass Peacebuilding, Statebuilding und Menschenrechte - wenngleich schwierige Brüche zu überwinden sind - für die betroffenen Marginalisierten und Armen einer Gesellschaft zusammenwirken und zu nachhaltigem Frieden beitragen können. Die führenden Menschenrechts-prinzipien - Nichtdiskriminierung, Partizipation, Transparenz und Rechenschafts-pflicht - übersetzen die Erwartungen der Bevölkerung an die (Übergangs-)Regierung in Rechtspositionen und erhöhen so die Selbst-bestimmung der Gesellschaft. Dieses Umdenken von Transition in Richtung eines "local empowerment" (lokale Selbstbestimmung) schafft für interne wie externe Akteure einen neuen Rechtsraum, der künftig möglicherweise bindende innere Erfüllungskategorien von Souveränität freilegt ("ius post bellum", Transitionsvölkerrecht). Erkenntnisse aus dem völkerrechtlichen, politikwissenschaftlichen, friedens- und entwicklungspolitischen Bereich wirken dabei zusammen, womit gezeigt werden kann, wie Interaktion zwischen verschiedenen sich gegenseitig beeinflussenden Disziplinen zu neuen Lösungsansätzen führt.

Schlagwörter: Fragilität, Selbstbestimmung, ius post bellum, Konflikttransformation, Legitimität, Menschenrechtsansatz

Autorinneninformation:

Ursula Werther-Pietsch ist Dozentin für Völkerrecht und internationale Beziehungen, stellvertretende Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres, davor Bundeskanzleramt – Verfassungsdienst und Völkerrechtsbüro. Ihre Forschungsschwerpunkte sind menschliche Sicherheit, Friedenskonsolidierung, Entwicklungs- und Transitionsvölkerrecht.


Abstract:

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über Migrationsprozesse und Migrationsmuster in Asien aus geschlechtsspezifischer Perspektive. Dabei werden sowohl die Ursachen und die Veränderungen der zugenommenen Mobilität diskutiert, als auch die Rolle der unterschiedlichen Akteure analysiert. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten um Migration und Entwicklung werden im zweiten Teil des Beitrags aus einer kritischen Entwicklungsforschungsperspektive die geschlechtsspezifischen Zuschreibungen an die "Migrantin" und ihr "Entwicklungspotential" diskutiert. Im letzten Teil werden, auf der Grundlage empirischer Forschungen in Bangladesch, die Entwicklungsvorstellungen der Migrantinnen und Migranten herausgearbeitet, um die Relevanz kontextspezifischer Dimensionen zu veranschaulichen, ohne die aus Perspektive der Autorin weder Migrationsprozesse noch entwicklungsrelevante Fragen verstanden werden können.

Schlagwörter: Migration, Mobilität, Entwicklung, Gender, Asien, Bangladesch

Autorinneninformation:

Petra Dannecker ist Professorin für Entwicklungssoziologie und Leiterin des Instituts für Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Sie arbeitet zu den Themenfeldern Globalisierung und Migrationsprozesse, Gender Studies, Transnationalisierung und Methoden der Entwicklungsforschung.


Abstract:

Malawi wird in Publikationen häufig als Beispiel für Care Drain bzw. die negativen Auswirkungen der Abwanderung von Pflegepersonal, insbesondere KrankenpflegerInnen, auf Länder mit desolaten Gesundheitssystemen angeführt. Das Working Paper gibt Einblick in eine qualitative Studie zu Migrationsintentionen unter jungen hochqualifizierten KrankenpflegerInnen aus Malawi. Diese wurde 2010 nach dem Grounded Theory-Ansatz durchgeführt und stützt sich vor allem auf biografische, leitfadengestützte Interviews sowie Fokusgruppen-Diskussionen. Das Paper verfolgt den Anspruch, aus einer biografischen Perspektive zu einem vertieften Verständnis der Migrationsintentionen der jungen KrankenpflegerInnen beizutragen und weist auf dieser Grundlage auf zukünftig relevante Zusammenhänge von Care Drain/Gain in Malawi hin, die bislang entwicklungspolitisch kaum berücksichtigt wurden. Insbesondere diskutiert es die Verquickungen zwischen Migrationsintentionen und den antizipierten beruflichen Karrierewegen aber auch ‑hindernissen. Dabei werden genderbezogene und historische Aspekte der Migrationsintentionen gesondert thematisiert. In den anschließenden Unterkapiteln veranschaulicht das Paper die vielfältigen biografischen Bedeutungen und Funktionen von Migration in den Bereichen Familien-, Beziehungs- bzw. Singleleben, Selbstverwirklichung sowie Statusstreben, wobei es jeweils genderbezogene Unterschiede berücksichtigt. Die verschiedenen Bereiche werden mit Blick auf kollektive gesellschaftliche und religiöse Vorstellungen über Verbindungen von Migration und sozialer wie persönlicher "Entwicklung" diskutiert. Den letzten Teil des Papers bildet die Reflexion der Ergebnisse aus (entwicklungs-)politischer Perspektive, wobei im Einzelnen auf Potentiale und Schwierigkeiten in der Karriereplanung, der Umsetzung erfolgreicher Migrationsprojekte und der politischen Gestaltung von Migration eingegangen wird.

Schlagwörter: Migration, Krankenpflege, Malawi, Care Drain, Brain Gain, biografische Migrationsforschung

Autorinneninformation:

Christiane Voßemer ist Universitätsassistentin am Institut für Internationale Entwicklung an der Universität Wien und promoviert zur Transformation der Regime reproduktiver Gesundheitsversorgung im Grenzraum von Thailand und Myanmar.


Abstract:

Der Beitrag gibt einen Überblick über die erkenntnistheoretischen Grundlagen entwicklungstheoretischen Denkens – insbesondere der Vorstellung von Subjektivität – und die damit verbundenen theorieimmanenten Problematiken. Der erste Teil behandelt den Paradigmenwechsel im Forschungsfeld von den Anfängen der Entwicklungsforschung bis zu den Theorien des 20. Jahrhunderts. Diese werden jeweils vor dem Hintergrund des ideengeschichtlichen Kontextes beleuchtet, um die subjekttheoretischen Prämissen der Theorien zu veranschaulichen. Dahingehend wird sich zeigen, dass der Paradigmenwechsel im Lichte der erkenntnistheoretischen Kontinuitäten und Brüche zwischen „alten“ und „neuen“ Entwicklungstheorien, eine zentrale und grundlegende Herausforderung an die Entwicklungsforschung darstellt. Im zweiten Teil werden daher Überlegungen angestellt, wie dieser Herausforderung begegnet werden und die Theoriebildung im Feld der Entwicklungsforschung eine größere Relevanz erlangen kann. Denn nur wenn in der Forschung das in die Theoriebildung eingeschriebene Subjektverständnis reflektiert und aktualisiert wird – so die These – kann eine neue Qualität der Entwicklungsforschung für das 21. Jahrhundert generiert werden.

Schlagwörter: aid, aid flows, China, development, dependence, economic growth, foreign aid, policy making, political economy, private donors

Autorinneninformation:

Alexandra Grieshofer ist Doktorandin der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen vor allem in den Bereichen der theoretischen Ansätze von Entwicklung, Entwicklung aus historischer Perspektive, Entwicklung aus erkenntnistheoretischer Perspektive und hierin speziell bei modernen bzw. post-modernen Subjektivitätskonzeptionen sowie von Relationalität und Dialogphilosophie.

Die Autorin wurde für den hier veröffentlichten Artikel mit dem Nachwuchspreis für Entwicklungsforschung des Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung ausgezeichnet.


Abstract:

Die vorliegende Arbeit steht am Ende des Projekts Ungleiche Vielfalt (www.ungleichevielfalt.at), in dem SchülerInnen zweier Wiener Schulen gemeinsam mit Studierenden erforschten, wie Jugendliche in ihrem Alltag Ungleichheit und Vielfalt erleben. Auf Basis von acht qualitativen Interviews werden unterschiedliche Alltagsstrategien in der Freizeitgestaltung beschrieben, in gesellschaftliche Kontexte eingebettet und Schlussfolgerungen gezogen, welche Brücken und Barrieren sich daraus für ein gelungenes Zusammenleben in Vielfalt ergeben. Die Ergebnisse zeigen, wie stark und gleichzeitig subtil sozioökonomische Unterschiede in den Alltag hinein wirken: Auf der einen Seite sind Freizeitaktivitäten sowohl Ausdruck als auch Quelle von sozialer Ungleichheit, da sie unterschiedliche Ausstattungen an Ressourcen voraussetzen und gleichzeitig unterschiedliche Möglichkeiten bieten, gesellschaftlich relevante Ressourcen zu erwerben. Auf der anderen Seite sind alle SchülerInnen der Meinung, in ihrer Freizeit ausschließlich das zu tun, was sie wollen - ohne zu merken, wie sehr ihr Aktionsradius von dem Milieu bestimmt wird, in dem sie sich bewegen. Die Interviews legen nahe, dass diese Milieus primär sozioökonomisch konstituiert sind und nationalkulturelle Faktoren nur von sekundärer Bedeutung sind. Die in allen Milieus feststellbaren Abschottungstendenzen führen tendenziell zu Unwissenheit, Vorurteilen und Angst vor "den anderen" und damit zu einer ernsthaften Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt. Um den polarisierenden Effekt familiärer Reproduktionsstrategien zu lindern, braucht es neben staatlichen Wohlfahrtseinrichtungen eine inklusive Schule, die positive Begegnungen und Austausch über diese Milieus hinweg ermöglicht.

Schlagwörter: Ungleichheit, Vielfalt , Schule, Wien, Jugendliche, Freizeit, sozialer Zusammenhalt, Bourdieu, qualitative Sozialforschung

Autoreninformation:

Sebastian Howorka hat an der Wirtschaftsuniversität Wien und an der Universität Wien sozioökonomische Entwicklungsforschung und Internationale Betriebswirtschaft studiert. Er war als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Paulo Freire Zentrums für den Abschluss des Projekts Ungleiche Vielfalt verantwortlich.


Abstract:

Developing countries are the recipients of important flows of foreign aid. Since the 2000s, the efficiency of such flows is a matter of heated debates. Indeed, aid flows are directed to some developing countries sometimes for decades, e.g. since the post-independence era in the 1960s for many Sub-Saharan African countries. The results, however, may be viewed as disappointing, since these countries remain at low levels of development in many dimensions, not only in terms of per capita income but also of human development. In this context, the emergence of new players, such as private donors or emerging countries, in particular China, introduces additional complexity in the debates. The paper critically analyses the main features of foreign aid at the beginning of the 21st century. It discusses the key facts as well as the most important theoretical debates. It shows that the 2000s have witnessed a marked emphasis on the detrimental effects of aid and that studies of the impact of aid are therefore characterised by uncertainty and inherent tensions: indeed, this emphasis coexist with a paradigm in the policy-making sphere that relies on the benefits of aid and the necessity of increasing aid as a condition for poor countries to get out of their situation. The paper firstly defines the concept of 'aid', and shows its complexity, as there are many different sources and types of aid flows. Secondly, it presents an overview of the key facts regarding global aid flows. Thirdly, it examines a much-debated key theoretical justification of aid, i.e. the impact of aid on the growth of recipient countries. Fourthly, it assesses the increasing controversies regarding aid, which underscore its negative effects at the macroeconomic level, in particular the problems created by aid dependence. It finally underlines the other negative effects of aid, which stem from the characteristics of the aid relationship itself, notably the problems of incentives, political economy and coordination.

Schlagwörter: aid, aid flows, China, development, dependence, economic growth, foreign aid, policy making, political economy, private donors

Autorinneninformation:

Alice N. Sindzingre is a Research Fellow at the National Centre for Scientific Research (Centre National de la Recherche Scientifique/CNRS, Paris, France), EconomiX-University Paris-West; and Visiting Lecturer, School of Oriental and African Studies (SOAS), Department of Economics (University of London, United Kingdom).